SGZ - ein Wort als Vorgabe, eine Stunde Zeit zum Schreiben - Texte unserer Mitglieder
Procedura! - ein Text zum Thema "Verfahren" von unserem Miglied schaldek

„Komm schon!“, schimpfte Ariella mit dem GPS, das sie in diese Straße geführt hatte und seitdem schwieg.

Sie nahm einen eiligen Schwung Richtung rechts und atmete in aller Ruhe durch. Dann eben anders.

(Sie hatte keine Ruhe, aber sie hatte gelernt, sich diese einzureden, denn immer hatte der Mensch Ruhe, seit dem ver- Urknall!)

Diese eigenartigen grünen Verkehrsschilder machten sie fertig und sie verfluchte sich kurz, diesen Fall jemals angenommen zu haben.

Ein Kompostrückbauer gerät in die Fänge einer üblen Müllmafia und nur deswwegen war sie nun dazu verdammt, durch die irren Strassen Neapels zu irren.

Centro, da!

Das war die Richtung!

Tutte le direzioni.

Ja, ja, das hatte sie ständig gelesen. Aber jetzt in diesem Kreisverkehr (rotatoria, ja, so hiess der hier), da konnte sie es checken. Centro. Wo denn jetzt?

In Ruhe nachdenken, dachte sie und realisierte, dass sie dachte.

Ihr Urlaub am Gardasee war immer eine Oase und irgendwie war es ihr seit Wochen klar, dass sie diesen Fall nur wegen der wogenden, türkisfarbenen Wellen angenommen hatte – da, wo Bernd ihr alle Liebe der Welt schwor.

Nein, sie musste jetzt cool bleiben. Sanft wie die Wellen des Gardasees. Sie griff neben sich nach ihrem Ordner, der endlich Klarheit schaffen würde.

Die Mama, die sie vertrat, sie mochte zwar in München nicht ihre ewige Liebe gefunden haben, aber Gerechtigkeit sei überall, auch hier in Neapel.

Ariella blickte kurz in den Spiegel neben sich. Eine rote Ampel gab ihr diese Chance.

Du bist ein wundervolles Wesen! Du bist da, um Leid zu händeln! Face to Face mit ihm zu sein. Das machen nicht viele, Ari. Dazu fehlt ihnen der MUT!

Diese Mama brauchte Hilfe. Sie war hereingefallen auf die schönen Augen eines Italieners.

Grün.

Ariella schaute auf die Uhr.

Ja, es wurde Zeit. Eigentlich war es Zeit.

„Tribunali, komm schon! Tribunali!“ schimpfte sie wieder. „Wo?“

Der nächste Kreisverkehr kam. Aber er ging einfach nicht. Ein Fiat vor ihr stockte. Ein Volkswagen zog nah an ihr vorbei, so das sie das Weiß in den Augen des beleibten Fahrers sehen konnte.

Sie stoppte so wie alle Fahrzeuge vor ihr. Ein Verkehrsgewimmer, Hupen, Rufe und doch keinerlei Bewegung.

(Ich habe diese Akten neben mir. Sie werden alles lösen. Der Prozess beginnt in fünfzehn Minuten. Ich schaffe es!) Hupen hilft nicht, beruhigte sich Ariella, während sie die Hand auf der Hupe hatte. Alle machten Krach. Nichts bewegte sich. Wenn es eine Polizeisirene gäbe, würde man sie nicht hören können.

(Zehn Minuten noch bis zum Prozessbeginn, schienen die Akten neben ihr zu rufen.)

Ariella stöhnte.

Sie sah sich um, schlug wegen des sichtbaren Stillstandes gegen das Lenkrad und kniff die Augen zusammen. Es war ihr klar, sie musste etwas tun.

Sie legte einen Gang ein und fuhr Richtung VW neben sich. Ein Diplomatenwagen, wie sie vorhin kurz bei frechem Vorausfahren dessen an der Farbe des Kennzeichens gesehen hatte.

Der Typ im Hemd und mit gelber Krawatte schwitzte. Er realisierte nicht, wie eng sie an ihm vorbei schluffte und in einer weiteren kleinen Lücke zweier Autos mit ihrem Smart plötzlich rechts neben sich Bordsteine sah.

Mit überraschend quietschenden Reifen zog sie sie nun eine schmale Gasse hinein. Vollkommen verkehrsfrei! Nicht ein einziges Auto! Sie fuhr rechts ran und seufzte.

Dann schaltete sie das GPS erneut an. Es begann zu laden. Okay, Verbindung mies. Es würde ihr den Weg zum tribunali gleich zeigen, sie müsse nur ein bisschen fahren und besseren Empfang bekommen.

Sie fuhr.

Leere Gassen und nur noch Gassen. Kein Empfang. Nicht mal eine Offline-Karte. Sie fuhr weiter. Gassen und Gassen. Einbahnstrassen. Dann brutal vor ihr irgendein Schild: Zona pedonale.

Sie googelte - Fussgängerzone - und weinte nun. Sie musste zurück.

Fünf Minuten bis zum Prozessbeginn.

Okay.

Sie fuhr zurück.

Zwei Minuten bis zum Prozessbeginn.

Okay.

Vor ihr der bekannte Kreisverkehr. Kompletter Stillstand.

Ariella streichelte die Akten. Langsam nahm sie Kurs auf den Verkehr und ihre Tränen liefen herunter.

Endlich wurde sie von einem stillen, genervten jungen Mann neben sich in den Stau hinein gewunken.

Tribunali dritte Ausfahrt“ sprach das GPS plötzlich, aber die Räder ihres Smart standen still wie alle Räder in diesem Kreisverkehr.

„Wertes Gericht“, sprach Ariella vor sich hin. „Ich werde Ihnen heute beweisen, dass meine Mandantin in eine Falle gelockt wurde. Sie kann nichts für diese Übernahme ihrer kleinen Müllwerkerfirma, die sie in München und Neapel betreibt.

Ich werde Ihnen Abschriften von Telefonaten vorlegen, die aufzeigen, wie meine Mandantin unter Druck gesetzt und eingeschüchtert wurde, um die Eigentumsrechte der Firma an den Angeklagten abzugeben.

Es wird Ihnen beweisen, dass eine offizielle Schenkung nicht existiert und es wird Ihnen, werte Geschworene, ermöglichen, dass Sie heute, früher als Ihre Familien es erwarten, nach Hause zurückkehren.

Machen Sie sich auf einen schönen Abend im Kreise Ihrer Lieben gefasst.“

Was für ein herrlicher Auftakt, dachte sich Ariella nun. Ihre Stirn ruhte auf dem Lenkrad. Die letzten zwei Nächte waren sicher nicht umsonst gewesen.

Sie hatte ja genug Zeit, nicht über Bernd nachzudenken. Indem sie an diesem Prozess feilte.

Sie schnaubte ins Taschentuch. Eine halbe Stunde war der Prozess nun in Gange. Und der Gardasee war schön.

Sanft und türkis.

Und Bernd.

Bernd.

Sie schluchzte.

Nie mehr käme er zurück.



Was machte sie hier nur?!



ENDE

Witze ohne Niveau
Egal, wie gut du fährst - Züge fahren GÜTER!

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